Meditation zum Syltlauf 2000


Herr, Du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüßtest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag. Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. (Psalm 139)





   Ja, liebe Freunde: ein langer Weg wartet auf uns. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge: Der dichte Startpulk in Hörnum. Die langgezogenen Dünenstrecken des Südens. Westerland, die Inselmitte: Zurufe, Beifall, Anfeuerung. Und wieder lange, einsame Dünenwege - bis dann, endlich, die Häuser im Listland grüßen: Blidsel, Mellhörn, List.

Ein langer, ein weiter Weg. Was reizt uns daran? Das Blatt Papier am Ende, das Stückchen Metall, das wir mit nach Hause nehmen? Oder suchen wir anderes beim Laufen: einen inneren Gewinn vielleicht, die Bereicherung unseres inneren Menschen?
Ich will eintauchen in die Tiefe meines Erlebens, nachspüren, ergründen, was das Laufen mit mir tut; diesen inneren Gewinn entdecken und aussagen.

Und so breche ich auf und sage als Erstes:
Beim Laufen öffne ich mich. Öffne mich zur Welt. Erfahre Weite, Freiheit, den größeren Horizont. Meine Enge bleibt hinter mir, alles Muffige und Gedrückt fällt ab. Vor mir nur Weite, Horizont, Freiheit, und über mir das große Blau eines offenen Himmels. Und so bin ich auf meinem Weg und erlebe, wie die Weite in mich einströmt. Mich auch innerlich öffnet, löst, befreit. Meine Brust wird weit und auch mein Herz. Nicht mehr so eng, ängstlich, in sich selbst verfangen. Mein innerer Mensch atmet tief durch, wird weit, offen und frei. Frei für das, was größer ist als mein eigenes Herz. Und so erlebe ich beim Laufen das Glück der Weite - die Weite der Welt, die mich von allen Seiten umgibt und übersteigt, und auch die Weite in meinem eigenen Herzen, das beglückt und voller Liebe "Ja" sagt zu dieser Welt, zu diesem Leben, zu dieser Wirklichkeit. Und ich halte inne und frage mich: Ist es nicht eben diese Weite, die der Psalmbeter meint, wenn er voller Glück betet und singt: "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und
deine Rechte mich halten."

Und dann bin ich wieder auf dem Weg und sage als Nächstes: Beim Laufen erfahre ich mein Dasein. Nehme den Platz an, der mir bestimmt ist. Ich bin eben da, wo ich auch hingehöre: unterwegs, auf einem langen Weg, ein lebenslanger Wanderer durch Tage und Nächte, durch Wüsten und Oasen. Geworfen, ausgesetzt in diese schmale Blöße, wo Himmel und Erde sieh berühren. Ein Kind beider Welten: Erdenkloß und Himmelssohn. Mit jedem Schritt ans Irdische geheftet, immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehrend - und doch begabt mit dem aufrechten Gang, erhobenen Hauptes den Weg unter die Füße tretend, mit jedem Atemzug Himmelsluft schnuppernd. So bin ich unterwegs, durchmesse Räume und Zeiten, Tage und Jahre: mit dem Maß das mir zugemessen ist. Dem menschlichen Maß. Und d.h. langsam: Schritt für Schritt, Herzschlag für Herzschlag, Atemzug für Atemzug. Und ich spüre und weiß: Du selbst - du bist nicht das Maß aller Dinge. Du selbst - du bist auch nur ein bemessener Weg, hast Anfang und Ende und wirst zuletzt selbst gemessen werden. Und so lebe und erlebe ich beim Laufen mein Dasein. Diesen riskanten Brückenschlag zwischen Himmlischem und Irdischem, dieses lange Unterwegs zwischen Geburt und Tod. Ich nehme das an. Sage "Ja" dazu - und zu dem, der mir dieses Dasein bestimmt hat, immer schon, noch bevor ich selbst davon wußte.
Und die Worte des Psalms klingen dabei in mir nach: "Herr, Du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüßtest. Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,so wäre auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag.

Und dann tauche ich ein letztes Mal ein in meinen Lauf und sage: Das Laufen vertieft mich. Verwandelt, steigert, reinigt meine Lebendigkeit. Ich spüre, wie Atem und Schritte immer gleichmäßiger werden. Die Muskeln sind warm und der Schweiß rinnt aus allen Poren. Auch der Geist löst sich, wird leichter, klarer, wahrer. Und mir ist, als würde ich den ganzen alten Adam einfach herausschwitzen. All das Tote, Verbrauchte, Vergiftete in mir. Ich spüre, wie ich meine Kräfte immer mehr verausgabe - doch zugleich ergreift mich eine neue Lebendigkeit. Erfüllt mich, bereichert mich. Und das bleibt mir - auch wenn ich im Ziel bin. Ich lebe leichter, inspirierter, lebendiger. Das Laufen reinigt, es beflügelt mein Leben und Erleben. Und ich frage mich: Dieses Hochgefühl von Lebendigkeit, geboren aus gelebtem "Ja" zum Dasein, gelebtem "Ja" zu Himmel und Erde - ist das vielleicht ein kleines Stück von Gottes Freundlichkeit? Ein Vorgeschmack seiner Gnade und Wahrheit? Liebe Freunde, ein langer Weg liegt vor uns. Aber wer keine weiten Wege geht - was erfährt der schon vom Leben, von sich selbst und von Gott?
Und ich höre noch einmal auf die Worte des Psalms und sage und bete mit ihnen: "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege."
Amen.