Predigt am Pfingstmontag, 4. Juni 2001



4,1 Als nun Jesus erfuhr, daß den Pharisäern zu Ohren gekommen war, daß er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes 4,2 - obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -, 4,3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. 4,4 Er mußte aber durch Samarien reisen. 4,5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. 4,6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. 4,7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 4,8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. 4,9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - 4,10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. 4,11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? 4,12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. 4,13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 4,14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. 4,19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. 4,20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. 4,21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 4,22 Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. 4,23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 4,24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Johannes 4,1ff


Meinungsbefragung:

Wissen Sie, was Christen Weihnachten feiern? Richtige Antwort, die Geburt Jesu, 82%. Falsche oder keine Antwort 18%.
Wissen Sie was Christen Ostern feiern? Richtige Antwort, die Auferstehung Jesu, 70%. Falsche oder keine Antwort 30%.
Wissen Sie, was Christen Pfingsten feiern? Richtige Antwort, die Ausgießung des Heiligen Geistes, 25%. Falsche oder keine Antwort 75%.

Pfingsten hat es nicht leicht.
Heiliger Geist - das klingt abstrakt, unanschaulich, ein bißchen nebulös. Und dann auch noch "Ausgießung" - das versteht schon gar keiner mehr.

Hilft unsre Predigttext weiter? Der Schlußsatz, in dem er gipfelt: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.?"

Gehen wir Schritt für Schritt vor.

Diese Szene am Jakobsbrunnen - was will sie uns zeigen?
Es geht um das Wasser des Lebens - das ist klar. Dieses geheimnisvolle Fluidum, von dem die Geschichten und Märchen der Völker handeln, das ewige Jugend verspricht, ewige Lebendigkeit, eine Ende allen Verfalls, aller Gebrechen.

Wie sieht es aus, wo sollen wir es suchen? Ist es die abgestandene, brackige Brühe, die da herausquillt aus der Tiefe eines uralten Brunnenschachtes? Oder gibt es eine lebendige, frische Quelle des Lebens: klar, ursprünglich, rein?

In der Begegnung mit Christus erlebt die Frau aus Samarien diesen Kontrast.
Christus durchbricht die uralten Tabus und Vorurteile, die ihr Leben mit Gott und den Menschen bisher bestimmt haben und erschließt ihr einen ganz neuen Lebensquell.

Welches sind diese Tabus?
Zuerst ist da das Tabu der Volkszugehörigkeit. "Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?" Ihr Erstaunen kennt keine Grenzen. Weißt du denn nicht, daß wir "unrein" sind in euren Augen, dreckige Ausländer, die man nach Kräften meidet und verachtet? Aber Christus kümmert sich offensichtlich nicht darum. Rasse, Nation, Volkszugehörigkeit sind keine Schranken, die von Gott trennen könnten. Sie gelten ihm nichts. Und es sind auch keine Schranken, die Menschen endgültig trennen könnten. Er, der Jude, spricht sie, diese Samaritanerin, ganz höflich an und bittet sie um Wasser und hat offenbar keinerlei Angst vor ihren dreckigen Ausländerhänden.

Und dann geht es weiter. Aus der schlichten Bitte um einen Schluck Wasser entwickelt sich ein ausführliches theologisches Lehrgespräch. Demonstrativ setzt sich Christus über ein weiteres uraltes Tabu hinweg. "Das Weib schweige in der Gemeinde!" -so kennen wir diesen Grundsatz. Der Platz der Frau ist im Haushalt. Das Wasser dürfen sie wohl holen, aber wenn es ernst wird, wenn wichtige Dinge besprochen werden, im Lehrhaus, im Kreis der Großen, der Wissenschaftler und Gelehrten - da haben sie nichts zu suchen. Frauen gehören in die Küche, "Das Weib schweige in der Gemeinde," - das wirkliche Leben gehört den Männern. Christus schert sich keinen Deut darum. Gott ist kein Privileg und kein Reservat der Männer. Allen um jedem ist er nahe, will von allen und jedem gefunden werden, egal ob Mann oder Frau, Kleinkind oder Greis. Und so wird sie, die Frau, die Ausländerin, zur Gesprächspartnerin in einem theologischen Lehrgespräch.

Und im Laufe dieses Gesprächs - da fällt dann das dritte Tabu. Das der Tradition. Der ehrwürdige Brauch, die alte Sitte, die geheiligte Gewohnheit. Das haben wir schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen usw. usw. Die Samaritanerin fühlt sich dem Erbe der Väter verpflichtet: "Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll." - Was ist denn nun richtig?
Aber Christus hebt die ganze Fragestellung aus den Angeln. "Tradition" ist keiner der Namen Gottes, dafür aber "Geist" und "Wahrheit". Weder der Ort ist entscheidend noch die Kirche noch der Ritus. Überhaupt ist alles Äußere zweitrangig - denn auf den inneren Menschen kommt es an, auf die Einstellung, die Überzeugung, die Gesinnung, sagen wir ruhig: auf den Geist oder den Ungeist, der dein Leben beseelt. Unsere Köpfe und Herzen - sie sind der Ort, wo Gott wohnen will, wo er bejaht, wo er verehrt und angebetet werden will.

"Gott ist Geist, nicht der Ungeist des Fremdenhasses, der Ungeist des männlichen Chauvinismus, der Ungeist der bloßen Gewohnheit, - Gott ist Geist, der Geist des Lebens, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."

Im Gespräch mit Christus erlebt diese Frau so etwas wie ihr kleines persönliches Pfingsten. Da ist nichts Dramatisches, keine Brausen vom Himmel, keine Feuerzungen, kein Sprachenwunder. Aber ist das nicht auch Ausgießung des Heiligen Geistes? Wenn in Kopf und Herz eines Menschen plötzlich ein Licht aufgeht, wenn der alte Ungeist verfliegt und ein neuer Sinn, ein neuer Geist das Leben beseelt?

Und ich frage mich: Sollte es uns heute denn anders gehen, wenn wir wirklich, in Tat und Wahrheit, auf Christus hören, so wie diese Frau damals auf ihn gehört hat? Neugierig, offen, ohne Vorurteile? Wenn wir dazu bereit sind - ich bin mir sicher - dann wird auch in unseren Köpfen und Herzen ein Licht aufgehen und ein neuer Geist unser Tun und Trachten beseelen. Fröhliche Pfingsten.

Amen.