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Pfingstmontag 2006 St. Christophorus
Liebe Geschwister,
wie schön ist es, in Westerland aus dem Zug zu steigen, die ersten hundert Meter zu gehen, und zu merken, wie einen der frische Wind umfängt. Wie gut das tut, wenn man aus der stickigen Großstadt kommt. Das ist Heimkommen für die einen, das ist Ankommen, Urlaub und Freiheit für die anderen.
Schön ist es auch, gegen den Wind anzugehen, seine Kraft zu spüren, Körper und Geist durchpusten zu lassen. Erfrischt und belebt fühlen wir uns nach einem solchen Gang.
Schön ist es, an heißen Tagen am Strand zu liegen und einen sanften, kühlenden Wind auf der Haut zu spüren. Wie ein Streicheln. Sanft, freundlich, erfrischend.
Manchmal mögen wir den Wind nicht. Wenn er alles durcheinander wirbelt, die Gartenstühle und die Blumentöpfe. Wenn meine Rezepte durch die Küche fliegen, schließe ich schnell das Fenster. Der Wind kann mitreißen, wenn er durch unser Haus fährt. Ein sehr starker Wind kann zerstören und zerbrechen: umgeknickte Straßenschilder, abgedeckte Dächer.
All das tut der Wind: er bewegt, er erfrischt, er wirbelt durcheinander, er belebt, er zerbricht, er befreit. Wie der Wind ist der Geist, der Geist Gottes. Seit alters her wird beides miteinander in Beziehung gebracht. Ruach, das hebräische Wort, das wir mit Geist übersetzen, ist zugleich das Wort für Atem, Hauch, Wind.
Die Pfingstgeschichte erzählt von solch einem Wind, der auf einmal da war. Ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind, erfüllte das ganze Haus, in dem die Jünger saßen. Da war eine Kraft wie ein starker Wind. Und sie bringt wie der Wind durcheinander, befreit und belebt, setzt in Bewegung, bringt Klarheit und zerbricht auch.
Der Heilige Geist befreit:
Was geschieht? Die Jünger waren an diesem Tag, endlich einmal wieder zusammengekommen, zum Fest in Jerusalem, alle waren da, alle beieinander in einem Haus. In den letzten Wochen nach Jesu Tod hingen sie eher traurig herum. Manchmal war Freude in ihnen, aber oft fühlten sie sich einfach nur lust- und mutlos, ohne Energie. Sie schauten oft zurück und wussten nicht so recht, wie ihr Leben weitergehen sollte. Einige waren zurückgegangen in die alte Heimat, zu den Familien, Petrus zum Beispiel. Manche schlichen durch Jerusalem, an die alten Plätze der Erinnerung. Andere vergruben sich im Haus, wollten niemanden sehen oder sprechen. Schon gar nicht mit Unbekannten.
Jetzt aber, wo sie alle beieinander sind, geschieht etwas. Sie reden. Ich hab wieder angefangen zu fischen. Aber ich kann das nicht mehr. Es erscheint mir so leer, so unwichtig. - Ich bin wie Falschgeld herumgelaufen . Ich denke an die Zeit, als wir in Galiläa mit Jesus unterwegs waren, über all das, was er vom Reich Gottes gesagt hat. An den Schatz im Acker ist, so war es doch bei uns: plötzlich gefunden, eine große Freude und dann alles andere dafür aufgeben. - Und ich war wieder zu Hause bei meiner Familie, sie verstehen mich nicht. Sie sagen, ich spreche eine andere Sprache als sie. Vieles was sie reden und tun, ist mir so unwichtig geworden in den letzten Monaten. Kommt es nicht auf anderes an? - Und ich sehe immer noch Jesus vor mir, ich weiß nicht mehr, ob es der lebende ist oder der, der mir erschienen ist. Ich habe das Gefühl, er wollte mich ermutigen, diesen Weg weiterzugehen, selbst vom Reich Gottes zu erzählen, von meiner Freude, von meinen Hoffnungen.
Da ist wieder Lebendigkeit bei den Jüngern.
Da ist Freude.
Da ist Begeisterung.
Später sagen sie: Der Heilige Geist hat uns aus der Lethargie befreit. Das haben wir nicht selbst getan. Das kam über uns wie eine fremde Kraft.
Manchmal sind wir tief unten, gefangen in Schwermut, Traurigkeit. Und dann geschieht etwas, wir wissen vielleicht selbst nicht, was es ist, ein Wort, eine Musik, ein Telefonanruf, ein spontaner Besuch. Und wir lachen wieder, packen etwas an, fühlen uns mitten im Leben. Der Heilige Geist befreit.
Der heilige Geist bringt in Bewegung:
Die Jünger Jesu finden es auf einmal so eng im Haus, sie öffnen Fenster und Türen, sie lassen Wind und Leben wieder hinein. Und dann hält sie auch nichts mehr im Haus. Sie gehen auf die Straße. Sie verstecken sich nicht mehr. Sie gehen hinaus zu den Leuten. Sie haben keine Angst mehr, sie sind wie neu erwacht. Sie erzählen den Menschen von ihren Erlebnissen. Was sie eben noch einander erzählt haben, das sagen sie jetzt den Leuten.
Sie reden und die Leute verstehen. Die Handwerker und die Gelehrten, die Einheimischen und die Fremden, die Frauen und die Männer, die Sklaven und die Freien. Sie alle begreifen. Sie alle hören die Begeisterten in ihrer Sprache sprechen. Da ist kein Graben mehr zwischen ihnen. Da ist Verstehen. Über alle Grenzen hinweg. Stellt Euch das mal vor! Alle verstehen, was sie sagen. Das heißt nicht, dass alle es gut finden, aber alle verstehen, was gesagt wird. Keine Missverständnisse, kein "ich dachte aber", keine geheimnisvolle, verschlüsselte Sprache, keine Fremdwörter. Sondern Verstehen.
Sich Verstanden Fühlen.
Nähe empfinden.
Das kam nicht aus uns, sagten die Jünger später.
Der Heilige Geist hat uns die Sprache gegeben.
Der Heilige Geist hat uns zu den Menschen getrieben.
Auch das kennen wir. Jemand ist klein und verschüchtert. Ängstlich. Will niemanden ansprechen. Auf keinen Fall einen Fremden. Will sich am liebsten hinter einem anderen verstecken. Und plötzlich ist es anders. Auf einmal ist da eine Sache, die diesen Menschen begeistert, mitreißt, die so wichtig ist, dass alle Angst überwunden ist. Und dann ist es nicht mehr schwer, auf andere Menschen zuzugehen. Der heilige Geist, die heilige Begeisterung bringt in Bewegung.
Der Heilige Geist bringt durcheinander und zerbricht:
Mag sein, dass Petrus gar nicht allein nach Jerusalem gekommen ist. Seine Frau - er war ja verheiratet, die Bibel erzählt von seiner Schwiegermutter - ist mit ihm nach Jerusalem zu dem Fest gekommen ist, und dass sie in die lebendige Stadt gegangen ist, als die Jünger zusammen im Haus hockten. Nun kommt sie zurück, ganz erfüllt von den Eindrücken, vielleicht auch den Einkäufen. Was denkt sie wohl, als sie die Zwölf und vor allem ihren Mann da auf der Straßen predigen sieht? Sind die verrückt geworden? Wie peinlich! Ich war so froh, dass diese Sache mit dem Jesus vorbei war und dass Petrus wieder zurückgekommen war nach Hause. Ich dachte, wir könnten noch einmal von vorn anfangen. Zusammen leben als Familie. Jetzt dies! Irgendwie bin ich mir sicher, dass er nicht mehr zurückkommen wird. Was wird aus unserer Ehe? Werde ich allein an den See zurückkehren?
Nicht alle sind begeistert.
Da sind auch Fragen.
Da sind eigene Wege.
Da droht vielleicht Trennung.
Was bisher gültig war, wird durcheinandergewirbelt.
Später sagen sie: Das war der Heilige Geist, der unser Leben von unten nach oben gekehrt hat. Da war eine Kraft in uns, die war größer als wir.
Leben gerät in Bewegung. Nicht immer bleibt alles, wie es ist. Die Umstände verändern sich, wir müssen uns ändern. Die Nachbarn ziehen weg, die Arbeitsanforderungen werden andere, die Kinder gehen eigene Wege, der Partner will hat neue Lebensvorstellungen. Wenn wir aber durch die Krise hindurchgegangen sind, unser Leben neu gestaltet haben, dann sagen wir möglicherweise auch: das war der Heilige Geist, der alles durcheinander gebracht hat. Gott wollte einen neuen Weg für mich.
Der Heilige Geist bringt Klarheit:
Für Petrus und die anderen Jünger bringt dieser Tag Klarheit in ihr Leben. Eigentlich war Petrus nur nach Jerusalem gegangen, um die anderen wieder einmal zu sehen, mit ihnen zu sprechen, Trauer aufzuarbeiten. Aber als sie so zusammensaßen, da war ihm und auch den anderen plötzlich klar, dass es so auch nicht weitergehen konnte, dass sich alle innerlich zerrissen fühlten. Da merkten sie, wie viel ihnen die Zeit mit Jesus immer noch bedeutete, wie sehr sie ihr Leben verändert hatte und dass sie jetzt nicht wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnten, nicht als Fischer, nicht als Zöllner, nicht als Ehefrau eines reichen Mannes, um auch mal eine der Jüngerinnen Jesu ins Spiel zu bringen. Zuhause hatten sie das auch schon gespürt, aber hier im Zusammensein mit den anderen war es plötzlich ganz klar. Dann auf die Straße zu laufen und den Menschen in ihren Sprachen von den eigenen Erfahrungen zu erzählen, war nur ein kleiner Schritt. Dass die Leute ihnen tatsächlich zuhörten, und dass nicht alle sie für verrückt hielten, dass sogar ganz viele sich an diesem Tag taufen ließen, das war Bestätigung. Diesen Weg würden sie weitergehen.
Menschenfischer sein.
Die Sache Jesu weitertragen.
Vom Reich Gottes predigen.
Später sagen sie: Es war der Heilige Geist, der uns erleuchtet hat, der Klarheit gebracht hat. Gott hat ihn uns geschenkt.
Auf einmal ist es klar. Ja, ich werde dies tun, diesen Weg gehen, meine Begabungen einsetzen. Was eben noch im Dunkel lag oder ein Wirrwarr von Gedanken war, klärt sich. Da war vielleicht ein Gespräch, ein ermutigender Satz, den wir zufällig jetzt gelesen oder gehört haben, gerade diese Worte, jetzt, die helfen. Der befreiende Geist bringt Klarheit, Klärung, den Mut zum neuen Schritt.
Gottes Geist ist eine starke Kraft. Eine Kraft, die in Bewegung setzt, Klarheit bringt, auch zerbrechen kann. Eine Kraft, die manches durcheinanderwirbelt, aber auch befreit und belebt. Eine Kraft, die uns ins Leben, unser eigenes Leben, in die Selbständigkeit treibt. Pfingsten ist der Schritt in die Selbständigkeit der ersten Christen. Die Jünger sind allein gelassen. Ihr Lehrer, ihr Meister, ihr Wegweiser Jesus ist nicht mehr bei ihnen. Am Himmelfahrtstag haben sie ihn auch innerlich losgelassen. Jetzt müssen sie selber gehen. An diesem ersten Pfingstfest erleben sie, dass es geht und dass eine starke Kraft in ihnen ist, die sie dazu treibt und die sie begleitet - der Tröster, der Beistand, der Heilige Geist.
Und so möchte ich schließen mit einem Bild, für mich einem ganz starken Pfingstbild aus dem Film "Wie im Himmel": Da ist dieser kleine Chor aus dem schwedischen Dorf. Sie sind zum internationalen Chorwettbewerb nach Österreich gefahren - für viele von ihnen der erste Schritt über die Grenze, für viele die erste Begegnung mit Menschen anderer Sprache. Und nun sollen sie auftreten. Sie haben sich schöngemacht. Sie sind aufgeregt, sie sind besonders aufgeregt, weil ihr Chorleiter nicht da ist. Sie gehen schon einmal in den Saal, sie gehen auf die Bühne, bauen sich auf, schauen immer wieder erwartungsvoll auf die Tür, gleich wird er kommen. Unruhe beginnt sich auszubreiten, zuerst bei ihnen selbst, dann auch bei den anderen Chören. Und plötzlich fängt einer von ihnen an einen Ton zu singen, irgendeinen, seinen eigenen. Und zögernd stimmen die anderen ein, einer nach dem anderen. Und da singt auf einmal einer mit aus einem anderen Chor. Es geht über auf die Menschen im Saal. Nach und nach fallen alle ein, eine ganz große Bewegung ist im Saal. Alle singen, einen vielstimmigen, wirklich stimmigen Gesang, jede und jeder seinen eigenen Ton, seine Töne. Eine große Begeisterung hat sie alle erfasst. Ihr Dirigent, ihr Leiter und Meister, aber wird nicht mehr kommen, das weiß der Zuschauer. Und doch ist er bei ihnen mit seiner Energie, allem was er ihnen beigebracht hat, womit er sie begeistert hat. Er ist bei ihnen mit seinem Geist, auch wenn er körperlich nicht anwesend ist. Dieser große begeisterte Gesang und du und ich mittendrin: Das ist Pfingsten.
Christiana Lasch-Pittkowski
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