Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten 2001 - nach dem 11. September -was kann uns das bedeuten? Ich sage als erstes: Die Angriffe haben nicht nur die größten Bauten Amerikas zerstört, sie haben auch gezeigt, wie brüchig das Eis ist, auf dem wir uns bewegen. Unser Urvertrauen in die Sicherheit des Lebens ist seitdem gestört. Leib, Leben und materielle Werte sind mit einem Mal in Frage gestellt. Gut, Afghanistan scheint inzwischen zu den Akten gelegt. Aber wie wird es weitergehen? Was kommt als Nächstes, wie wird es in Bethlehem, im Heiligen Land weitergehen?
Mein zweiter Gedanke: Eine Woche nach dem Terroranschlag warb die Lufthansa in großen Anzeigen um verlorengegangenes Vertrauen: "Lasst uns alle zusammenrücken. In diesen Zeiten ist die Verbundenheit durch gemeinsame Ziele und Werte so wichtig wie nie." Schöne, wohlklingende Worte. Aber vielleicht sollten wir sie tatsächlich ernstnehmen, nicht als bloßen Werbespruch abtun. Uns zurückbesinnen auf das, was wirklich zählt, was uns zusammenhält, was unser Vertrauen ins Leben begründet. Kann die Weihnachtsbotschaft dabei eine Hilfe sein? Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns ... Gott ist Mensch geworden, damit wir Menschen menschlich bleiben, menschlicher werden können. Warum bildest du dir noch ein, wie Gott sein zu müssen, wenn er doch nur sein will wie Du? Du darfst deinen Gotteskomplex ruhig ablegen - dieses rastlose immer Höher, immer Weiter, immer Schneller; - du darfst aufatmen, darfst Mensch sein und Mensch bleiben. An der Krippe sind die Maßstäbe zurechtgerückt worden, wurde die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt. Man muß sich diese unglaubliche Geschichte einmal ganz aus der Nähe ansehen. Eben nicht Jerusalem, die Metropole - nein, Bethlehem, ein kleines Nest. Eben nicht der Palast mit rotem Teppich - nein, ein Stall bei Ochs und Esel. Eben nicht die blaublütige Lady oder das das superchice Topmodell - sondern ein einfaches Mädchen aus der Provinz. Eben nicht die Großen des Landes, sondern die Hirten auf dem Felde. Und eben nicht ein Chef, ein Macher, ein Mann in den besten Jahren - nein, ein kleines, hilfloses Neugeborenes. Gar nichts Großartiges, ein Winzling nur. Nicht Macht, sondern Liebe. So, genau so, und nicht anders -, so und nicht anders sieht das Leben aus, auf das Gott alle Hoffnung setzt. Der Allergrößte wird gleich dem Allerkleinsten. Wird ganz schwach, ganz zart - damit auch wir zarter werden, zärtlicher, behutsamer miteinander und mit den anderen Menschenkindern, den andern Gotteskindern. Gott wird Mensch, damit wir Menschen menschlich bleiben, menschlich werden.
Weihnachten 2001, nach dem 11. September. Mein letzter Gedanke: Ein Rechenexempel, irgendwo aufgeschnappt, vielleicht nicht in allen Details korrekt, aber im Ganzen zutreffend.
"Wenn man die Weltbevölkerung auf ein 100 Seelen zählendes Dorf reduzieren könnte und dabei die Proportionen aller auf der Erde lebenden Völker beibehalten würde, wäre dieses Dorf folgendermaßen zusammengesetzt: 57 Asiaten, 21 Europäer, 14 Amerikaner (Nord-, Zentral- und Südamerikaner), 8 Afrikaner. Es gäbe: 52 Frauen und 48 Männer, 30 Weiße und 70 nicht Weiße, 30 Christen und 70 Nicht-Christen, 89 Heterosexuelle und 11 Homosexuelle, 6 Personen besäßen 59 % des gesamten Reichtums und alle 6 kämen aus den USA, 80 lebten in maroden Häusern, 70 wären Analphabeten, 50 würden an Unterernährung leiden, 1 wäre dabei, zu sterben, 1 wäre dabei, geboren zu werden. 1 besäße einen Computer, 1 hätte einen Universitätsabschluss. Wenn man die Welt auf diese Weisebetrachtet, wird das Bedürfnis nach Akzeptanz und Verständnis offensichtlich. Du solltest auch folgendes bedenken: Wenn Du heute Morgen aufgestanden bist und eher gesund als krank warst, hast Du ein besseres Los gezogen als unzählige Menschen, die die nächste Woche nicht mehr erleben werden. Wenn Du noch nie in der Gefahr einer Schlacht, in der Einsamkeit der Gefangenschaft, im Todeskampf der Folterung oder im Schraubstock des Hungers warst, geht es Dir besser als 500 Millionen Menschen. Wenn Du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen hast, bist du reicher als 75 % der Menschen dieser Erde. Wenn Du diese Nachricht erhältst, bist Du zweifach gesegnet: Zum einen weil jemand an Dich gedacht hat, und zum anderen weil Du nicht zu den zwei Milliarden Menschen gehörst, die nicht lesen können."
Weihnachten 2001.Gott ist Mensch geworden, damit wir Menschen menschlich bleiben, und menschlicher werden - auch und gerade nach dem 11. September und seinen Folgen. Amen.