Predigt am 19. August 2001 am Lister Hafen


Ja, liebe Freundinnen und Freunde, nun sind wir also wieder am Hafen. Boote, Fischgeruch, und das Versprechen der Weite. Hoher Himmel, weiter Horizont. Macht das die Faszination der See aus? Dieses Spüren der Offenheit und Weite der Welt? Auch und gerade weil sie keine Balken hat, eben nicht nur harmlos ist, weil unter dem Spiegel der Oberfläche dunkle Tiefen lauern.
Der Hafen, die See, die Seefahrt - sie haben die Menschen immer fasziniert. Mehr noch: sind ihnen zum Spiegel des eigenen Lebens, der geheimsten Sehnsüchte und Ängste geworden. Denn was ist des Menschen Herz?
"Ein menschliches Herz", so sagten die Alten, "ein menschlich Herz ist ein Schiff auf einem weiten wilden Meer. Das treiben die Sturmwinde von den vier Himmelsrichtungen der Welt umher. Hier stößt her Furcht und Sorge vor künftigem Unglück; dort fährt Grämen daher und Trauer aus gegenwärtigem Übel. Hier weht Hoffnung, Stolz aus künftigem Glück, dort bläst Sicherheit und Freude an jetzigen Gütern. Solche Sturmwinde des Lebens lehren mit Ernst reden und das Herz öffnen und den Grund herausschütten."
Tun wir das. Reden mit Ernst, schütten den Grund heraus, den letzten Grund.
Diese Seefahrergeschichte im Evangelium: was kann, was will sie uns bedeuten?
Ich sehe drei Punkte.
Zuerst: Wir sitzen alle im selben Boot. Keiner ist eine Insel, niemand kreuzt allein auf dem Meer des Lebens. Menschliches Leben ist immer gemeinsames Leben. Wie an Bord: eine Hand fürs Schiff, eine Hand für dich. Wir alle sind Kinder unserer Eltern, Bruder und Schwester unserer Geschwister, Väter und Mütter unserer Kinder. "Wir" - das ist das Grund- und Hauptwort unseres Lebens, danach erst kommt das andere, das "Du" und das "Ich". Vielleicht darf der sich Christ nennen, der das immer wieder beherzigt: Wir sitzen alle im selben Boot, und wenn es hart auf hart kommt, dann immer die erste Hand fürs Schiff, fürs Gemeinsame, fürs Wir -und dann die zweite Hand für dich, für dein Ego, dein persönliches Wohl.
Gut. Weiter. Das Zweite: Weder Meer noch Leben sind immer eitel Sonnenschein. Manchmal geht es wild zu, und der Wind kann einem ganz schön ins Gesicht blasen. Und da verfinstert sich dann der Horizont, kein Stern ist mehr da, und Angst essen Seele auf. Wo bleibt die Sonne, die Klarheit, der feste Boden unter den Füßen? Wo bist du denn, unser Gott, wenn wir dich wirklich brauchen? Fragst du gar nicht danach, wie wir hier immer mehr versinken? Anfechtung nannten das die Alten, Zweifel, Ver-Zweiflung. Wir heute sagen eher Krise, Midlife-Crisis vielleicht, manchmal auch Depression. Auch Christen kennen das. Der Glaube ist kein Zaubermittel und kein Patentrezept, auch er muß immer wieder hindurch durch die Nacht und den Aufruhr der Elemente und muß das Schweigen Gottes aushalten. "Meister, fragst du nicht danach, daß wir umkommen?"
Gut. Weiter. Was ist das Dritte, was uns das Evangelium sagen will? In ihrer See- und Seelennot wecken die Jünger den Meister. Und Christus erhebt sich vom Lager, "steht auf", wie es ganz wörtlich heißt, und Wind und Meer verstummen. Große Ruhe breitet sich aus - im Boot und draußen auf dem Meer der Welt. Und ich höre das so: Wecke Christus auch bei dir. Laß ihn auferstehen, groß und lebendig werden in deinem inneren Menschen - und du wirst merken: da ist plötzlich Gelassenheit in dir, ganz große Ruhe, Kraft, die von innen her kommt. Denn du weißt und spürst ganz instinktiv: im Bündnis mit ihm, an seiner Seite - da gehst du an der Seite des Wahren, des Gültigen, des Eigentlichen. Kein Meer der Welt, keine Tiefe und kein Abgrund kann dir jetzt noch etwas anhaben.
Gut. Aber wie geht das denn, Christus aufwecken, ihn groß machen und auferstehen lassen in meinem Leben? Vielleicht so: Laß sein Vorbild den Kurs deines Lebens bestimmen. Nimm ihn zum Kompaß, der dir den Weg weist. Sage es, besser noch: lebe es wie er -Wahrheit ist besser als Lüge, Liebe besser als Haß, Unrecht erleiden besser als Unrecht tun. Geh so deinen Weg, ruhig und gelassen. Und sei gewiß: diese Ruhe und Gelassenheit, sie ist stärker als alle Mächte dieser Welt. "Sie aber waren voll Ehrfurcht und staunten: Wer ist der? Selbst Wind und Meer sind ihm gehorsam."
Gut. Der Hafen, das Meer, die Seefahrt. Was nehme wir mit, wenn wir wieder zurückgehen in unsere Häuser, unsere Familien? "Und am Abend des Tages sprach er zu Ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und es erhob sich ein großer Wind, und die Wellen schlugen in das Boot. Und sie weckten ihn und sprachen: Meister, fragst du nicht danach, daß wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme. Und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam. Habt ihr noch keinen Glauben?"
Amen.