Ja, liebe Freundinnen und Freunde, nun sind wir also wieder am Hafen. Boote,
Fischgeruch, und das Versprechen der Weite. Hoher Himmel, weiter Horizont. Macht
das die Faszination der See aus? Dieses Spüren der Offenheit und Weite
der Welt? Auch und gerade weil sie keine Balken hat, eben nicht nur harmlos
ist, weil unter dem Spiegel der Oberfläche dunkle Tiefen lauern.
Der Hafen, die See, die Seefahrt - sie haben die Menschen immer fasziniert.
Mehr noch: sind ihnen zum Spiegel des eigenen Lebens, der geheimsten Sehnsüchte
und Ängste geworden. Denn was ist des Menschen Herz?
"Ein menschliches Herz", so sagten die Alten, "ein menschlich Herz ist ein Schiff
auf einem weiten wilden Meer. Das treiben die Sturmwinde von den vier Himmelsrichtungen
der Welt umher. Hier stößt her Furcht und Sorge vor künftigem
Unglück; dort fährt Grämen daher und Trauer aus gegenwärtigem
Übel. Hier weht Hoffnung, Stolz aus künftigem Glück, dort bläst
Sicherheit und Freude an jetzigen Gütern. Solche Sturmwinde des Lebens
lehren mit Ernst reden und das Herz öffnen und den Grund herausschütten."
Tun wir das. Reden mit Ernst, schütten den Grund heraus, den letzten Grund.
Diese Seefahrergeschichte im Evangelium: was kann, was will sie uns bedeuten?
Ich sehe drei Punkte.
Zuerst: Wir sitzen alle im selben Boot. Keiner ist eine Insel, niemand kreuzt
allein auf dem Meer des Lebens. Menschliches Leben ist immer gemeinsames Leben.
Wie an Bord: eine Hand fürs Schiff, eine Hand für dich. Wir alle sind
Kinder unserer Eltern, Bruder und Schwester unserer Geschwister, Väter
und Mütter unserer Kinder. "Wir" - das ist das Grund- und Hauptwort unseres
Lebens, danach erst kommt das andere, das "Du" und das "Ich". Vielleicht darf
der sich Christ nennen, der das immer wieder beherzigt: Wir sitzen alle im selben
Boot, und wenn es hart auf hart kommt, dann immer die erste Hand fürs Schiff,
fürs Gemeinsame, fürs Wir -und dann die zweite Hand für dich,
für dein Ego, dein persönliches Wohl.
Gut. Weiter. Das Zweite: Weder Meer noch Leben sind immer eitel Sonnenschein.
Manchmal geht es wild zu, und der Wind kann einem ganz schön ins Gesicht
blasen. Und da verfinstert sich dann der Horizont, kein Stern ist mehr da, und
Angst essen Seele auf. Wo bleibt die Sonne, die Klarheit, der feste Boden unter
den Füßen? Wo bist du denn, unser Gott, wenn wir dich wirklich brauchen?
Fragst du gar nicht danach, wie wir hier immer mehr versinken? Anfechtung nannten
das die Alten, Zweifel, Ver-Zweiflung. Wir heute sagen eher Krise, Midlife-Crisis
vielleicht, manchmal auch Depression. Auch Christen kennen das. Der Glaube ist
kein Zaubermittel und kein Patentrezept, auch er muß immer wieder hindurch
durch die Nacht und den Aufruhr der Elemente und muß das Schweigen Gottes
aushalten. "Meister, fragst du nicht danach, daß wir umkommen?"
Gut. Weiter. Was ist das Dritte, was uns das Evangelium sagen will? In ihrer
See- und Seelennot wecken die Jünger den Meister. Und Christus erhebt sich
vom Lager, "steht auf", wie es ganz wörtlich heißt, und Wind und
Meer verstummen. Große Ruhe breitet sich aus - im Boot und draußen
auf dem Meer der Welt. Und ich höre das so: Wecke Christus auch bei dir.
Laß ihn auferstehen, groß und lebendig werden in deinem inneren
Menschen - und du wirst merken: da ist plötzlich Gelassenheit in dir, ganz
große Ruhe, Kraft, die von innen her kommt. Denn du weißt und spürst
ganz instinktiv: im Bündnis mit ihm, an seiner Seite - da gehst du an der
Seite des Wahren, des Gültigen, des Eigentlichen. Kein Meer der Welt, keine
Tiefe und kein Abgrund kann dir jetzt noch etwas anhaben.
Gut. Aber wie geht das denn, Christus aufwecken, ihn groß machen und auferstehen
lassen in meinem Leben? Vielleicht so: Laß sein Vorbild den Kurs deines
Lebens bestimmen. Nimm ihn zum Kompaß, der dir den Weg weist. Sage es,
besser noch: lebe es wie er -Wahrheit ist besser als Lüge, Liebe besser
als Haß, Unrecht erleiden besser als Unrecht tun. Geh so deinen Weg, ruhig
und gelassen. Und sei gewiß: diese Ruhe und Gelassenheit, sie ist stärker
als alle Mächte dieser Welt. "Sie aber waren voll Ehrfurcht und staunten:
Wer ist der? Selbst Wind und Meer sind ihm gehorsam."
Gut. Der Hafen, das Meer, die Seefahrt. Was nehme wir mit, wenn wir wieder zurückgehen
in unsere Häuser, unsere Familien? "Und am Abend des Tages sprach er zu
Ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und es erhob sich ein großer
Wind, und die Wellen schlugen in das Boot. Und sie weckten ihn und sprachen:
Meister, fragst du nicht danach, daß wir umkommen? Und er stand auf und
bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme. Und es entstand
eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam.
Habt ihr noch keinen Glauben?"
Amen.