List und Röm

Ostersonnabend, abends. Das Telefon klingelt, ich melde mich. Eine unbekannte Stimme: "Entschuldigen Sie, aber ich wüßte gerne, wann morgen bei Ihnen Gottesdienst ist. Wir sind nämlich auf Römö im Urlaub und würden gerne morgen zum Gottesdienst kommen ..."

Das berühmte "Lister Tief" zwischen Sylt und Römö - es trennt nicht nur, es verbindet auch die beiden Inseln und ihre Menschen Kirchen miteinander. Und das schon seit Jahrhunderten, gerade auch auf kirchlichem Gebiet.

Aus einer Reisebeschreibung um 1850: "Wir landeten endlich auf List. Dieß ist eine Düneninsel, die durch einen Dünenisthmus mit der Insel Sylt zusammenhängt. List ist seit 400 Jahren von einer Handvoll Jüten bewohnt und gehört unter dänisches Regiment. Die Friesen behaupten, daß dieses Land sonst ihnen gehört habe, und die ersten dänischen Bauern lebten in Krieg und Unfrieden mit den Friesen. Sie gingen daher nie ohne Waffen aus und durften es auch lange Zeit nicht wagen, die Kirchen der friesischen Dörfer zu besuchen. Sie segelten deßhalb jeden Sonntag nach der drei Stunden entfernten Insel Röm zur Kirche, bis sie allmählich diese Streitigkeiten ausgeglichen hatten." (Peter Schmidt-Eppendorf, Sylt-Memoiren einer Insel, 1977, S.166)

Mag diese Darstellung auch von den damaligen deutsch-dänischen Auseinandersetzungen eingefärbt sein: Fest steht, daß seit dem Untergang der ersten Lister St.Jürgen-Kirche über Jahrhunderte hinweg sehr enge kirchliche Bindungen und ein intensiver Austausch zwischen List und Röm bestanden haben.

Die Grabsteine auf dem Friedhof und die Namen am Kirchengestühl in der St.Clemens-Kirche auf Röm geben noch heute davon Zeugnis. Offenbar war in früheren Zeiten der Lister Dünenwall ein sehr viel schwerer zu überwindendes Verkehrshindernis als das Lister Tief, und so orientierte man sich "auf List" - wie es damals hieß - eben stärker nach Röm.

Leider gibt es wenig schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit; die alten Kirchenbücher von St.Clemens sind 1831 einem Feuer zum Opfer gefallen.
 
Später dokumentieren die Einträge über Bewohner des Listlandes in den Kirchenbüchern von Keitum auf ihre Weise die engen Beziehungen zwischen List, Römö und dem übrigen Sylt: "Copulati (=TRAUUNG) Anno 1771 den 21. November: Hans Hanssen Tönnissen Junior von Nordland Römöe und Margrethe Jürgens, List", "Taufe Anno 1772 den 10. September: Anna Maria Tönnissen, Hans Tönnissens Junioris und Margrethe gebohrne Jürgens auf List Eheleibliche Tochter. Gefattern: Jacob Jürgensen, List; Hans Tönnissens Senioris Ehefrau, Römöe; Maren Peter Petersen Groth Frau, Braderup." (Gerd Dannenberg, Menschen auf List im 18. Jahrhundert, S. 48)

Auch eine makabre Einzelheit soll nicht verschwiegen werden. Inselchronist C.P. Hansen (Der Fremdenführer auf der Insel Sylt, 1859, S. 113) weiß zu berichten, daß das letzte Todesurteils des Sylter Rates im Jahre 1760 eine Listerin traf, die Giftmischerin Catharina Erken, und daß sie auch nicht auf Sylt hingerichtet wurde, sondern in Tondern. Ob ihr letzter Weg sie ebenfalls über das Lister Tief nach Römö und dann weiter nach Tondern geführt hat?

Heute sorgt schon der intensive Fährverkehr für ein reges Hin- und Her- zwischen beiden Inseln; und es ist ein schönes Zeichen ökumnischer Verbundenheit und guter Nachbarschaft, wenn alljährlich beim Lister Hafenfest deutsche und dänische Kirchengemeinden gemeinsam Gottesdienst feiern.