Die wirklichen Zeitenwenden richten sich selten nach dem
Kalender, weder im persönlichen Erleben noch in der großen Geschichte;
und wer sagt denn, daß ein Jahrhundert auch hundert Jahre dauern
muß?
Geschichtlich betrachtet ist das 20. Jahrhundert für uns schon
längst vergangen. Es begann 1914, als der Erste Weltkrieg
das Europa des 19. Jahrhunderts durcheinanderwirbelte, und es fand
sein Ende 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Das waren die historischen
Wendepunkte, nicht irgendwelche runden Kalenderdaten.
Überhaupt der Kalender:
Gehen die Uhren wirklich überall gleich? Heute, am 22. November
1999, dem Tag, an dem ich diese Gedanken niederschreibe, - heute hat Jerusalem
das Jahr 2000 schon längst hinter sich und schreibt den 14. 3. 5760;
und ebenfalls heute, am 22.11.1999, ist in Mekka und der ganzen muslimischen
Welt der 13. 8. 1420, - noch über als ein halbes Jahrtausend
bis zum nächsten Millenium. Und was sollen wir von China denken? Dort
wird jetzt ein riesiges Millenium-Monument erbaut, ausgerechnet im Jahr
des Kaninchens, im Monat des Waldschweins...
Zeitrechnungen und Kalender folgen ihren eigenen Gesetzen. Sie spiegeln die Welt- und Lebenanschauung ihrer Träger, und sie sind auch Ausdruck von Machtverhältnissen.
Der älteste römische Kalender ließ das Jahr mit dem 1. März beginnen und kannte nur 10 Monate - der Winter war für ein reines Bauernvolk einfach tote Zeit. Und die schrittweise Einführung des Gregorianischen Kalenders in fast allen Ländern der Erde - Japan 1873, Ägypten 1875, Rußland 1918, Türkei 1927, China 1929 - was zeigt sie anderes an als den immer stärkeren Einfluß westlich-europäischer Lebensformen auf dem gesamten Globus?
Jede Zeitrechnung trägt eine Zeitdeutung in sich. Immer wird ein Anfang, eine Zeitenwende gesetzt und vorausgesetzt: ein epochales Ereignis, daß als so maßgeblich, im Wortsinn "epochemachend" gilt, daß alle andere Zeit dadurch bestimmbar ist und als "nach" oder ein "vor" begriffen werden kann.
In der Alten Welt war die Gründung eines Reiches oder einer Stadt eine solche epochale Tat- "ab urbe condita" zählte die Römische Republik ihre Jahre, die alten Griechen datierten nach Olympiaden - oder auch der Regierungsantritt eines Regenten: "Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa ..." (Lukas 3,1) So besaß jedes Gemeinwesen, jedes Reich eine eigene Zeit und Geschichte, begründet und bestimmt durch die jeweiligen epochalen Haupt- und Staatsaktionen.
Im Westen haben diesen bunten Flickenteppich die drei monotheistischen Glaubensgemeinschaften überwunden: Judentum, Christentum, Islam. Es war eine natürliche Konsequenz des Glaubens an einen einzigen Gott: Wenn alles Dasein einer einzigen Wurzel entspringt, alle Wirklichkeit im Letzten von dem Einen und Einzigen erhalten und getragen wird - dann gibt es nicht mehr eine Vielfalt sich widersprechender Zeiten, dann ist da nur noch eine einzige, alle Wirklichkeit, alle Orte und Zeiten umfassende Zeit, eine einzige Geschichte des Seins.
Die jüdische Gemeinde vollzog wohl als erste diesen Schritt. Um 360 n.Chr. errechneten die Rabbiner aus den Stammbäumen und Altersangaben im Alten Testament das mutmaßliche Datum des allerersten "Anfangs" überhaupt, den ersten Schöpfungstag, und datierten von ihm der die Weltjahre : Im September 1999 wurde in Jerusalem Neujahr gefeiert und es begann das Jahr 5760 A.M. (Anno Mundi).
Es folgten die Christen: Gegen 520 n. Chr. erhielt der Mönch Dionysius
Exiguus ("der Kleine") den päpstlichen Auftrag, eine Tabelle mit den
"richtigen" Osterterminen zu errechnen - nach den Regeln, die gerade von
einem Konzil dafür aufgestellt worden waren. Bei seinen Berechnungen
ärgerte sich Dionys, daß man die Jahreszahlen noch immer
vom Regierungsbeginn des Kaisers Diokletian her datierte - der zwar ein
großer, von Zeitgenossen und Nachwelt vergöttlichter Herrscher
gewesen war, aber auch ein blutiger Christenverfolger.
Aus Protest dagegen legte er in seinen Tabellen eine Zählung der
Jahre ab Christi Geburt zu Grunde - um den eigentlichen Gottmenschen, um
Christus zu ehren und nicht einen seiner Verfolger. Dieser Ansatz stieß
auf Zustimmung, und die Zeitrechnung A.D. (Anno Domini) setzte sich langsam
durch.
Jede Zeitrechnung ist immer auch Zeitdeutung, ein Bekenntnis und ein Werturteil, und Dionys brachte das klar auf den Punkt: entweder die Liebe, oder die Macht; entweder Christus oder der römische Cäsar. "Vor" Christus, und also ohne ihn; und "nach" Christus, also mit ihm - das war von nun an die entscheidende Zeitgrenze.
Wie berechnete Dionys das Datum von Christi Geburt? Vermutlich so: Kurz nach "dem fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius" (Lukas 3,1) wird Jesus im Neuen Testament als "etwa dreißig Jahre alt" (Lukas 3,23) bezeichnet. Tiberius wurde A.D. 14 römischer Kaiser. Kombiniert man damit die beiden Angaben bei Lukas, so kommt man auf das Jahr 754 römischer Zeitrechnung "ab urbe condita". Das setzte Dionys = A.D. 1. Ob Jesus tatsächlich in diesem Jahr geboren wurde? Herodes der Große, den die Weisen aus dem Morgenlande aufsuchten, starb bereits im Jahre 4 v. Chr. - falls die Erzählung des Matthäus, muß Jesus vor diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt haben.
Jede Zeitrechnung ist Zeitdeutung und Geschichtsdeutung: Im Islam gilt die Mohammeds Flucht aus Mekka und die Gründung der Gemeinde, der "Umma" in Medina als epochemachende Zeitwende. Der muslimische Kalender zählt die Jahre seit der Hedschra am 16. Juli 622 A.D. gezählt. 1999 A.D. begann in Mekka das Jahr 1420 A.H.(= Anno Hedschra). Aber wieso 1420? 1999 minus 622 ist doch = 1377? Die Lösung: Das islamische Jahr ist ein Mondjahr, 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Danach sind im islamischen Kalender seit der Hedschra eben nicht 1377, sondern schon 142O Jahre vergangen.
Natürlich hat die religiöse Prägung der Zeitrechnung auch Widerspruch herausgefordert - etwa in der Französischen Revolution, die die Begründung der ersten Republik als Beginn eines neuen Zeitalters feierte und mit dem 22. September 1792 das Jahr 1 ihres Kalenders beginnen ließ. Ein Kalender, der übrigens auch keine jüdisch-christliche 7-Tage-Woche und keinen Sonntag mehr kannte, nur noch Dekaden hatte und deshalb - 9 Tage Arbeit, ein Tag Ruhe - außerordentlich unpopulär war. 1806 schaffte ihn Napoleon wieder ab.
Gut. Brechen wir an dieser Stelle unseren Rundgang durch Zeitrechnungen und Kalender ab. Sollten Sie ihn in der Muße der Festtage fortsetzen wollen, so starten Sie doch einmal Ihren Computer und besuchen http://www.panix.com/~wlinden/calendar.shtml. Es lohnt sich wirklich ...
Ein letzter Gedanke: Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts begriffen. Alle Deutung und Gliederung der Zeit in ein "vor ..." und ein "nach ..." geht davon aus, daß die Geschichte ihren entscheidenden Schritt getan, ihr Geheimnis und ihr Prinzip schon enthüllt hat. Wie ist das möglich? Die Zeit schreitet doch weiter, wie kann man sagen, sie sei an ein Ende gekommen?
Im Kern ist jede Zeiteinteilung ein Wert- und ein Glaubensurteil. Ein Vorgriff auf das Ganze der Zeit, ungefähr so wie der Einsatz in einer Wette: Ich setze darauf, daß das, was ich jetzt und vorläufig als maßgeblichen, epochemachenden Schritt in der Geschichte ansehe, - daß eben das sich auch am Ende, wenn alles vollendet ist, endgültig als maßgeblich und entscheidend erweist.
Mit der christlichen Tradition geredet: Ich setze darauf, daß das endgültig maßgebliche Urteil über Tun und Lassen der Menschen eben derselbe Christus spricht, nach dem wir gewohnt sind, die Jahre unseres Lebens zu datieren. Und darum sage ich auch 1999, und nicht 1420 oder 5760.
Begründen kann ich das nicht, die Wette bleibt offen bis zum Jüngsten Tag - aber ich kann darauf setzen und mich dafür auch einsetzen. Und sollte das kein guter Vorsatz sein für das Jahr 2000 "nach Christus", oder vielleicht besser gesagt: das Jahr 2000 "mit Christus"?