Ich habe fertig
21 01 09 - 16:12
Abschiedspredigt am 18.1.2008
Gesucht wird jemand, der mit Freude in der Gemeinde arbeitet. Schön gelegenes Pastorat am Wattenmeer vorhanden. Lange ist das her. Der Anfang von allem. Es stimmte damals, es stimmt heute. Der Blick auf das aufgwühlte Wattenmeer, grau, zerfurcht, uralt mit seinen langen weißen Mähnen heute. Die Freude an der Gemeindearbeit. Freude an den vielen prächtigen Menschen hier, groß und klein, jng und alt. Mit Freude haben wir beide in der Gemeinde gearbeitet. Dank dafür. Sicher, es gab schwere Zeiter. Das letzte Jahr war hart. Dennoch: Ihr seid eine tolle Gemeinde und ein ganz lebendiger Haufen, wie alle Welt am 1. Advent sehen konnte.
Danke, daß ich hier Pastor sein durfte. Auf Sylt und in der nördlichsten Gemeinde Deutschlands leben und arbeiten - das habe ich immer als Ehre und Auszeichnung empfunden. Danke für die Liebe, mit der wir hier empfangen und begleitet wurden. Ich hoffe, ein wenig ist auch zurückgekommen. Um Vergebung bitte ich, wen ich mißachtet oder verletzt haben sollte. Absicht war keine dabei, doch niemand ist ganz ohne Schuld. Jetzt ist das Haus bestellt. St. Jürgen wird nicht verwaisen, der neue Kirchenvostand wird das schon richten.
Also Themenwechsel. Der Predittext. Verse, die der Apostel Paulus an die Christen in Korinth geschrieben hat - etwas größer als List, aber auch eine Hafenstadt.
Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. ... Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
Drei Gedanken greife ich heraus. Übersetze sie mir und euch als einen kurzen Brief an die Lister.
Nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit - in Schwachheit, in Furcht und Zittern. Also: Small is beautiful. Kein Imponiergehabe, Porsche Cayenne, ihr kennt das. Auch kein klerikales Imponiergehabe. Von oben herab, über den Köpfen schwebend. Bodenhaftung, per pedes apostolorum, auf Augenhöhe. Echt, ehrlich, wahrhaftig. Wohnzimmergemeinde, warm und herzlich am Kamin; Seelsorge beim Kaufmann und an der Haltestelle. Small is beautiful, Nähe wichtig, Echtheit zählt - vor Gott und den Menschen.
Weiter. Zweiter Gedanke. "Nicht eine Weisheit dieser Welt - auch nicht die Weisheit der Herrscher dieser Welt. Die vergehen. Sondern die Weisheit Gottes, sein Geheimnis - sowohl verborgen wir aufgedeckt durch den Gekreuzigten, Christus." Die Weisheit und die Herren dieser Welt vergehen. Merkle und Ackermann lassen grüßen. Börse und Markt sind nicht der Weisheit letzter Schluß. Auch nicht die Dome und Kathedralen dieser Erde. In einem Stall stand die Krippe. Maria war ein schlichtes Mädel vom Dorf. Das ist das Geheimnis Gottes: Umwertung der Werte. Nicht Haben, Herrschen, Gelten. Nein, Hingeben, opfern, sich verschenken. Der Gekreuzigte ist kein imponierender Sieger. Aber er ist der Mensch mit offenen Armen. Du, komm an mein Herz. Laß Dich drücken. Ich kann Dich gut leiden, dennoch, trotzdem.
Gut. Dritter Gedanke. Der Schlußsatz. Gott offenbart das Geheimnis der Welt durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
Also: Geist. Schwieriges Wort. Sagen wir: Denken, Träumen, Fragen, Forschen. Sagen wir auch: Sprache. Sich offenbaren, mein Inneres ausdrücken. Und: Dich hören, dein Inneres verstehen.
Geist und Sprache machen den Menschen zum Menschen, Geist und Sprache sind auch die Fenster zu Gott.
Ich leihe mir ein Stückchen Geist, einen Fetzen Sprache von Ossip Mandelstam - dem russichen Dichter, dessen Verse Stalin solche Angst einjagten, daß er ihn im Gulag verschwinden ließ. Ein Fetzen Sprache, der mich seit Jahren begleitet, und vielleicht die Summe aller Theologie.
Dort in der Ferne
werden Schädelstätten eins mit Bergen.
Dort verschwinde ich, bin schon verschwunden.
Doch lebe ich in Kinderspielen weiter,
werde einst aus Büchern auferstehen,
und von der Sonne künden.
Was ist die Summe aller Theologie? Es gibt Trost, es gibt Versöhnung - diesen fernen Fluchtpunkt, wo Angst und Schrecken, Terror und Tod verfließen und verklärt werden in die unberührte Reinheit eine schneebedeckten Gipfels. Dorthin geht unser Weg, dort verliert sich unsere Spur. Und dennoch: Nichts und niemand geht verloren. Denn Ende und Anfang reichen sich am fernen Fluchtpunkt die Hand. Und wie Phönix aus der Asche beginnt das eine und ewige Leben, der eine und ewige Geist aufs Neue seinen Flug. Lebt in dem Staunen, den Fragen, den Spielen der Kinder weiter, steht wieder auf aus dem Grab der Buchstaben - und macht das Fenster auf, damit Sonne hereinströmt und diese große Gewißheit - alle unsere Wege sind Heimwege, wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Small is beautiful. Gott ist Umwertung der Werte. Und ein Fetzen Sprache, der Sonne hereinläßt.
Mehr nicht, weniger nicht.
Ich habe fertig. Behüt euch Gott.
Amen.