Anders als ihre große Schwester, die Keitumer Severinskirche, deren wuchtig aufragender Turm jahrhundertelang das höchste Bauwerk und damit zugleich das Wahrzeichen Sylts war, hat die kleine Morsumer Kirche immer abseits, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, auf einer flachen Hügelkuppe inmitten der weiten Marschen im Ostteil der Insel gestanden. Armut zwang die Gemeinde von Fischern, Seeleuten und Bauern die Größe des Baues auf ein Mindestmaß zu beschränken und auf einen Turm ganz zu verzichten. Statt dessen errichtete man in einiger Entfernung von der Kirche ein Holzgerüst, den sogenannten Glockenstapel niedriger als das Kirchenschiff, der das Geläut trug.
Der im ersten Moment befremdliche Anblick dieser zerstückelten Kirche erweckt eine Art frommer Rührung, wenn man sich die Entstehungsgeschichte dieses Bauwerks vor Augen hält. Denn St. Martin auf Morsum ist wahrscheinlich die älteste unter den jetzt noch vorhandenen Sylter Kirchen. Zwar wird sie im Schrifttum zusammen mit der Keitumer Kirche erstmalig noch 1240 erwähnt, aber viele Anzeichen sprechen dafür. daß sie bereits in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts erbaut wurde, während St. Severin in Keitum erst in der zweiten Hälfte dieses religiös so leidenschaftlich bewegten Säkulums entstanden sein dürfte.
Damals also wandten sich die Morsumer an einen Kirchenbaumeister, einige Chronisten nehmen an, es sei derselbe gewesen, der gerade St. Johannis in Nieblum auf Föhr erbaut hatte. Der Unbekannte war ein Meister seines Fachs. Zwar konnte er mit dem vorhandenen Material, Findlingen, Tuff- und Backsteinen, keine weitgespannten romanischen Rundbögen wölben, - mit Ausnahme der kleinen Apsis erhielten Schiff und Chor eine flache Balkendecke, - dafür aber brachte er ein ausgeprägtes Gefühl für die Harmonie räumlicher Maße mit. Und so wurde der kleine Bau, nach den strengen Regeln des romanischen Stils eingeteilt in das Kirchenschiff, den eingezogenen Chor und die Apsis zu einem kultischen Raum von einer schönen Schlichtheit, die, ohne alles Beiwerk, allein durch die Harmonie der Proportionen auf den Beschauer wirkt.
Die Armut blieb seßhaft in der Gemeinde, und die allerdings recht lückenhafte Chronik von Morsum weiß zu berichten von Krieg, Hunger und Pestilenz. Besonders schlimm muß es im Dreißigjährigen Krieg hergegangen sein. Am 18. Mai 1628 landeten die Kaiserlichen unter Führung von Leutnant Ernst von Suys auf Nösse und belagerten Morsum. Die Morsumer suchten Asyl in ihrer Kirche und befestigten sie mit Wall und Graben. Die Kaiserlichen zogen jedoch wieder ab, weil sie Sylt militärisch für nicht so wichtig hielten. Bald darauf kamen die Schweden und besetzten die Insel. Die Gedenktafel über dem Torbogen erinnert daran. Die Zahlenwerte der großen lateinischen Buchstaben ergeben die Jahreszahlen 1628 und 1629, in denen eine Pest die Bevölkerung der Insel grausam verringerte.
Eine Folge dieser ständigen Not war es allerdings auch, daß die Kirche in ihrer ursprünglichen Gestalt fast unverändert erhalten blieb. Während die etwa gleichaltrigen Kirchen in Keitum, Nieblum, Horsbüll und Neukirchen entsprechend dem steigenden Wohlstand ihrer Einwohner im Laufe der Jahrhundert wuchsen, klebte man in Morsum nur ein winziges Vorhaus an die Südfront der Kirche, das als Sakristei und Aufenthaltsraum für den Pastor dienen sollte.
Dagegen erfuhr das Kircheninnere mancherlei Veränderungen. Aus ältester Zeit sind hier nur noch das 1000jährige Weihbecken, der aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Taufstein, die Kanzel von 1698 und der kronleuchter im Chorraum von 1713 vorhanden. Die Taufschale stammt aus dem Jahre 1682. Auf dem Rand sind Wellen als Schmuck.
Sehr günstig wirkte sich die durchgreifende Restaurierung des Kircheninneren in den Jahren 1931 bis 33 aus. Durch die Entfernung der seitlichen Emporen wurde die ursprüngliche Schönheit des Raumes wieder hergestellt. Zugleich aber machte man zwei überraschende Entdeckungen: man fand das alte Weihbecken, das, zum Regenfaß degradiert, jahrzehntelang neben der Kirchentür gestanden hatte und man entdeckte, - und dies war eine Sensation weit über Morsums Grenzen hinaus - auf dem Dachboden der Kirche das Mittelstück des geschnitzten Flügelaltars, der heute an der Nordwand des Chores steht. Es ist ein sogenannter Gnadenstuhl: der auf dem himmlischen Thron sitzende Gottvater hält seinen toten Sohn in den Armen, den die Lieblosigkeit der Menschen ans Kreuz schlug. Das Schnitzwerk, um 1500 von einem unbekannten Meister geschaffen, ist von einer kindlich rührenden Innigkeit, die dem Beschauer stärker ans Herz greift als viele weit bekanntere Kunstwerke. Links neben Gottvater stehend mit der segnenden Gebärde ist St.Severin, der Schutzheilige der Keitumer Kirche, und rechts steht St.Martin, dem diese Kirche geweiht ist. Auf den beiden Seitenflügeln die 12 Apostel.
1933 also erhielt das Innere der kleinen Kirche seine heutige Gestalt. Neu hinzu kamen nur die von der Flensburger Malerin Käthe Lassen entworfenen bunten Glasfenster in der Apsis, deren leuchtende Farben das Halbdunkel des Altarraums mit magischem Licht erfüllen. Das Altarblatt von Alvin Blaue stellt den Lebensbaum dar, mit den Symbolen der vier Evangelisten.
1968 wurden von dem Berliner Künstler Frank Oehring die Fenster an der Nordwand des Kirchenschiffes eingesetzt. Vom Eingang kommend stellen sie dar das Abendmahl Christi mit seinen Jüngern, in der Mitte die Kreuzigung und vorne über dem Taufstein die Auferstehung Christi.
Die Orgel wurde 1965 von E. Kemper in Lübeck mit 12 Registern gebaut und 1973 von Eberhard Tolle, Preetz, neu intoniert und verbessert.
Die beiden Pastorenbilder an der Südwand zeigen Pastor Flor senior und junior, die in dem Kirchspiel mit großem Segen gewirkt haben. Zu den Besonderheiten der alten Inselkirchen gehören die Tafeln mit den Predigern seit der Reformation.
Wer war St.Martin?
St.Martin von Tours soll, von seiner Taufe kommend, einem armen Bettler die Hälfte seines Mantels gegeben haben. Während der Völkerwanderung versuchte er, erschütterten Menschen zu einem starken Glauben zu helfen. Er baute Kirchen und setzte durch seine Taten der Nächstenliebe Zeichen dafür, daß Christus der Herr der Welt ist. er erwarb sich als mutiger Bekenner des Glaubens in der Missionierung Galliens die größten Erfolge. "Er ist Mönchsvater, Heidenmissionar und Arzt in einem." Er ist wohl einer der volkstümlichsten Heiligen auf deutschem Boden, wie es sein Todestag, der 11. November 400, der "Martinstag" beweist.
Der Kunsthistoriker Wölfflin hat die gotischen Dome einmal steingewordenen Gebet genannt. Wenn man dieses schöne Wort auf das Morsumer Kirchlein anwenden will, dann möchte man von einem Stoßgebet eines schlichten alten Seemanns sprechen, das aus den Tiefen einer frömmeren Zeit zu uns herübertönt.
Paul Weymar-Kampen/Sylt, neu herausgegeben und erweitert von Jochim Hartung-Morsum/Sylt